Wie der DSV mit Karsten Görsdorf einen Perspektivwechsel initiiert hat

Raik Hannemann
Raik Hannemann
16:40

Der renommierte Sportwissenschaftler beendet seine Arbeit für den Verband, hinterlässt aber wichtige Impulse Input für eine weiter erfolgreiche Entwicklung.

© AM/Marc Niemeyer

Der Deutsche Schwimm-Verband e.V. (DSV) hat den Leistungssport in Schwimmen und Freiwasserschwimmen in den vergangenen Monaten bewusst aus einer neuen Perspektive betrachtet, um die positive Weiterentwicklung zu verstärken. Maßgeblich begleitet wurde dieser Prozess von Dr. Karsten Görsdorf, der den Verband seit Sommer 2025 als Chefbundestrainer mit seiner externen sportwissenschaftlichen Expertise unterstützt hat. Görsdorf setzte mit seinen datenbasierten Analyse- und Diagnostiksystemen in der Vergangenheit bereits neue Standards im Weltsport.

Bereits zu Beginn der Zusammenarbeit war vereinbart, dass Görsdorf diese Rolle zeitlich befristet ausfüllen würde. Ziel war es nicht, bestehende Strukturen fortzuschreiben, sondern sie zu hinterfragen, neue Impulse zu setzen und Entwicklungsfelder noch klarer zu benennen. Ab Februar 2026 wird sich der Potsdamer aufgrund einer sich einmalig bietenden unternehmerischen Chance wieder vollständig auf den weiteren Ausbau seiner international expandierenden Firma konzentrieren.

Wichtige Impulse zur Weiterentwicklung des DSV

Dr. Karsten Görsdorf

Dr. Karsten Görsdorf

„Karsten Görsdorf hat den DSV in einer wichtigen Phase begleitet, in der es darum ging, den Leistungssport aus Sicht der Aktiven, aber auch aus einer systemischen Perspektive neu zu betrachten“, sagt DSV-Vorstandsvorsitzender Jan Pommer. „Nach einer fundierten Analyse des Status quo hat er gezielt Impulse gesetzt und Pilotprojekte angestoßen, die uns helfen, unsere Strukturen leistungsorientierter, moderner und zugleich menschlicher weiterzuentwickeln.“

Ein zentraler Schwerpunkt von Görsdorfs Arbeit lag auf der noch konsequenteren Ausrichtung aller Maßnahmen am Bedarf der Kaderathlet*innen. Dazu zählte unter anderem der Auf- und Ausbau eines systematischeren Gesundheitsmonitorings im Rahmen der geltenden rechtlichen Vorgaben. Laborparameter und medizinische Daten wurden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern noch stärker als Grundlage für Trainingssteuerung, Ernährungsfragen und präventive Maßnahmen genutzt. „Gerade unter begrenzten Ressourcen ist es entscheidend, die verfügbaren Daten sinnvoll zu nutzen, um Gesundheit und Leistungsfähigkeit langfristig abzusichern“, so Görsdorf. „Das ist keine Spielerei, sondern eine Voraussetzung für nachhaltigen Spitzensport.“

Ausstiegsrate junger Athletinnen soll sinken

Darüber hinaus setzte Görsdorf wichtige Impulse in Bereichen, die im klassischen Leistungssport oft zu kurz kommen. Dazu gehörten Ansätze zur Verringerung der Drop-out-Rate bei jungen Athletinnen – etwa durch die stärkere Einbindung weiblicher Trainerperspektiven und internationale Impulse – ebenso wie Überlegungen zur besseren Verzahnung von Leistungssport und Ausbildung beim Übergang in Studium oder Beruf.

“Regelmäßiges Feedback in alle Richtungen schafft Transparenz, fördert Selbstreflexion und hilft, Rollen passgenauer zu definieren.”

Ein weiterer, bewusst als Pilot angelegter Schritt war die Einführung eines strukturierten Feedbackformats, in dem Trainer*innen auch aus Sicht der Aktiven reflektiert werden. „Nicht alles war von Beginn an perfekt“, räumt Görsdorf ein. „Aber regelmäßiges Feedback in alle Richtungen schafft Transparenz, fördert Selbstreflexion und hilft, Rollen passgenauer zu definieren – für das Hier und Jetzt, aber auch mit Blick auf die Zukunft.“

© Istvan Derencsenyi/World Aquatics

Görsdorf begeistert von Know-how und Engagement im DSV

Trotz der begrenzten Dauer seiner Tätigkeit zeigt sich Görsdorf vom Potenzial des DSV überzeugt. Besonders hebt er das vorhandene Know-how und das Engagement vieler Beteiligter hervor: „Ich habe im Verband viele Menschen kennengelernt, die mit großer fachlicher Kompetenz und viel Herzblut arbeiten. Dieses Potenzial ist noch nicht überall sichtbar – und längst nicht ausgeschöpft.“

Sein Appell ist klar: „Teilt euer Wissen, tauscht euch aus, nutzt unterschiedliche Perspektiven. Dann ist mehr möglich, als man oft glaubt.“ Ein sichtbares Zeichen dieses Ansatzes war unter anderem die Einbindung der US-amerikanischen Trainerin Carol Capitani, die bei der Kurzbahn-EM im Dezember erstmals Teil des DSV-Teams war und ihre Erfahrungen aus der täglichen Arbeit mit Weltmeisterin Anna Elendt einbrachte.

Ziel bleibt, stabil zu den Top 5 der Welt zu zählen

Der DSV versteht Görsdorfs Wirken ausdrücklich als Impulsphase. „Nicht alle Ansätze waren bequem, nicht alle Perspektiven unumstritten – genau darin lag jedoch ihr Wert“, so Pommer. Der Verband wird die angestoßenen Themen weiter prüfen, priorisieren und dort konsequent verfolgen, wo sie den Leistungssport nachhaltig stärken.

„Offenheit für neue Ideen, der Mut zur Reflexion und der klare Blick auf die Aktiven werden entscheidend sein, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, den deutschen Schwimmsport bis 2040 wieder verlässlich unter die Top-5 Nationen der Welt bringen wollen“, so Jan Pommer. „Diesen Anspruch nehmen wir aus dieser gemeinsamen Zeit mit.“

Wir sind dafür: Der DSV-Vorstand mit Christian Hansmann, Jan Pommer und Michael Mahler (v.l.)© Jo Kleindl

Wir sind dafür: Der DSV-Vorstand mit Christian Hansmann, Jan Pommer und Michael Mahler (v.l.)