Schwimmlegende Christel Schulz wird 85: Letzter Wettkampf im Juni

Raik Hannemann
Raik Hannemann
20:08

Christel Schulz prägte den deutschen Schwimmsport über Jahrzehnte – als Olympiateilnehmerin, Rekordhalterin und erfolgreiche Masters-Schwimmerin. Nun beendet die 85-Jährige ihre beeindruckende Karriere. Warum sie diesen Schritt macht und welche Erfolge sie gefeiert hat, erfährst du hier!

Christel Schulz (damals Steffin, 2.v.l.) gewann zusammen mit Heidi Pechstein, Ursel Brunner und Gisela Weiß 1960 Olympiabronze über 4x100m Freistil© privat

Christel Schulz (damals Steffin, 2.v.l.) gewann zusammen mit Heidi Pechstein, Ursel Brunner und Gisela Weiß 1960 Olympiabronze über 4x100m Freistil

Viel vorgenommen hat sich Christel Schulz für den kommenden Freitag (04. April) lieber nicht. Sie weiß halt, dass sie viel telefonieren wird. Dass viele ihrer Sportfreund*innen bei ihr daheim in Rathenow anrufen werden, um persönlich zum 85. Geburtstag zu gratulieren. Die Familienfeier mit ihrem Mann und den Familien beider Kinder wurde deswegen ganz bewusst auf Samstag gelegt.

Der Andrang ist nachvollziehbar. Denn man kann Christel Schulz getrost als eine Ikone des deutschen Schwimmsports bezeichnen. Schon als junges Mädchen nahm sie unter ihrem Mädchennamen Steffin 1956 in Melbourne (AUS) und 1960 in Rom (ITA) zweimal an den Olympischen Spielen teil und gewann in Italiens Hauptstadt dabei sogar Staffelbronze. Nach der Leistungssportkarriere arbeitete sie 25 Jahre lang als Schwimmlehrerin in der DDR, um dann nach der Wende im Masters-Sport auch noch einmal als Aktive so richtig durchzustarten. 46 Weltrekorde, 122 Europarekorde und 236 Deutsche Rekorde hat sie in den verschiedenen Altersklassen seither ins Wasser gezaubert, die letzten erst vor wenigen Wochen. Die Zahl der gewonnenen Titel ist noch viel größer.

Training in der Havel war ihr Erfolgsgeheimnis

„Schwimmen war und ist mein Leben. Und meine Karriere war wie ein Märchen, das mich bis in die ,Hall of Fame‘ brachte. Obwohl ich von der lange nicht einmal etwas wusste“, sagt Schulz in ihrer charmanten Art. Geboren im Krieg (1940), lernte sie erst mit zwölf Jahren die verschiedenen Schwimmarten. Ihre gute Wasserlage beeindruckte von Anfang an und ist bis heute ein Markenzeichen. „Mein Trainer hat immer sehr auf die Technik geachtet. Wir sind damals immer nur in der Havel geschwommen, im dunklen Wasser ohne Leinen. Ich musste immer den Kopf weit oben haben, um zu wissen, wo ich schwimme. So wurde ich zu einer Art Über-Wasser-Schwimmerin.“

Auch blieb Schulz stets ihrem Heimatverein Einheit Rathenow treu, obwohl sie zu DDR-Zeiten von der Betriebssportgemeinschaft weg zu einem der Topklubs delegiert werden sollte. Aber sie lehnte ab. Nach dem Mauerbau durfte sie nur noch im Inland Wettkämpfe bestreiten, auch weil ihre Geschwister nun im Westen wohnten. Im Jahr 1963 hörte sie daher mit dem Sport auf. Wurde nach einem Fernstudium ab 1975 – da bekam Rathenow endlich die erste Schwimmhalle – dann Schwimmlehrerin. Vielen Kindern brachte sie so diese wichtige Kulturtechnik bei, mit maximalem Knowhow. „Der Job war ideal für mich. Da konnte ich in der großen Schulpause auch schnell mal 800 Meter schwimmen, wenn mir danach war“, erinnert sich Schulz.

Erst nach der Wende entdeckte Christel Schulz das Masters-Schwimmen für sich

Nach der Wiedervereinigung entdeckte Schulz dann das Masters-Schwimmen im Deutschen Schwimm-Verband e.V. (DSV) für sich. „Ich war mittlerweile 50 und wusste bis dahin gar nicht, dass es Titelkämpfe auch für diese Altersklassen gibt“, erzählte sie. Hier feierte sie dann viele Siege und schloss noch mehr Freundschaften. 2011 nahm man sie sogar in die „Hall of Fame“ der Masters auf.

“Man wird immer langsamer, das ist ja normal. Aber als Leistungsschwimmerin guckt man immer weiter auf die Zeiten.”

Allen Rekorden und Huldigungen zum Trotz hat Christel Schulz nun aber beschlossen, ihre Karriere zu beenden. Dreimal pro Woche werde sie daheim zwar weiterhin ins Wasser gehen und 2,5 Kilometer abspulen. Die Deutschen Masters-Meisterschaften in Dresden möchte sie im Mai noch einmal mitmachen, auch Rennen in Magdeburg und Berlin bestreiten. Aber mit dem Sprint-Cup in Rostock im Juni sei dann endgültig Schluss.

„Als ich damals bei den Masters anfing, habe ich mir gesagt, wenn ich in der Startliste ganz oben stehe im ersten Lauf, dann schwimme ich nicht mehr mit. Nun bin ich schon zehn Jahre dort, da wird es Zeit. Dass geklatscht wird, wenn man endlich ankommt, war immer mein Horror“, meint Schulz trocken. „Man wird immer langsamer, das ist ja normal. Aber als Leistungsschwimmerin guckt man immer weiter auf die Zeiten, das ist einfach so drin. Man will zufrieden sein. Ich weiß aber, dass es mit 90 nicht mehr so sein wird. Altersbonus ist nicht mein Ding. Ich habe fast immer alles richtig gemacht, jetzt finde ich auch den richtigen Moment zum Aufhören.“ Davon wird sie auch keiner der zahlreichen Geburtstagsanrufe abhalten können.

Christel Schulz sieht man ihr Alter nicht an© Petra Schröder-Heidrich

Schwimmen hält jung: Christel Schulz sieht man ihr Alter nicht an