Lies hier, was die IDM im Para Schwimmen so besonders macht und welchen Einfluss die Bewerbung Berlins für Olympische und Paralympische Spiele auf den Para Sport haben kann. Özcan Mutlu, Präsident des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes Berlin, steht im Interview Rede und Antwort.
© Tino HenschelBei der IDM startet die nationale und internationale Elite im Para Schwimmen. Aber auch der Nachwuchs bekommt eine Chance, sich zu präsentieren.
Özcan Mutlu (58) ist Präsident des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes Berlin. Einen Monat vor der Para Swimming World Series (07. – 09. Mai) und den Internationalen Deutschen Meisterschaften im Para Schwimmen (IDM/10. – 12. Mai) spricht er im Interview über Berlins Vorreiterrolle im Para Sport, warum sich die Rahmenbedingungen für Para SportlerInnen dennoch deutlich verbessern müssen und welchen Einfluss die Bewerbung Berlins für Olympische und Paralympische Spiele hierauf haben kann.
Herr Mutlu, wie würden Sie die Internationalen Deutschen Meisterschaften (IDM) im Para Schwimmen jemandem beschreiben, der oder die das Event nicht kennt?
Özcan Mutlu: Die IDM ist eine der größten Veranstaltungen im Para Sport und hierzulande sicher die bedeutendste nach den Paralympics. Der Wettkampf hat eine lange Tradition. Das Besondere, das hören wir von den Aktiven immer wieder, ist das schnelle Wasser in Berlin. Zahlreiche Welt- und Europarekorde wurden hier bereits geschwommen. Berlin ist ein Magnet im Para Sport, der die Menschen anzieht und begeistert. Das ist auch im Hinblick auf die Bewerbung der Stadt für die Olympischen und Paralympischen Spiele ein ganz wichtiger Faktor. Und wir freuen uns, dass nach einem Jahr Pause auch die World Series wieder zurück in Berlin ist. Dadurch bekommt das Event nochmal einen größeren Stellenwert.
Wir wollen es schaffen, dass der Para Sport nicht als Randerscheinung gesehen wird. Und da sehe ich nicht nur die Verbände und die Politik in der Verantwortung, sondern die ganze Gesellschaft.
Neu in diesem Jahr ist, dass die Para Swimming World Series (07. – 09. Mai) und die IDM (10. – 12. Mai) als zwei eigenständige, aber zusammenhängende Events nacheinander stattfinden. Wie kam es dazu und worin liegen die Vorteile?
In der Vergangenheit hatten wir beide Wettkämpfe parallel durchgeführt, das war aufgrund der hohen TeilnehmerInnenzahlen aber zunehmend eine organisatorische Herausforderung. Deswegen gehen wir in diesem Jahr einen anderen Weg. Für die Aktiven und die Fans gleichermaßen bedeutet das, dass sie damit gleich zwei großartige Events erleben dürfen. Das sind sechs Tage Para Schwimmen auf Weltniveau.
Wie hat sich die öffentliche Wahrnehmung des Para Sports in den vergangenen Jahren verändert?
Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten geben mehr Raum für die paralympischen Sportarten. Aber es ist trotzdem noch viel Luft nach oben. Noch immer werden die Paralympics in der öffentlichen Wahrnehmung als ein beiläufiges Event nach den Olympischen Spielen betrachtet. Ein Stück weit haben die Spiele in London 2012 dazu beigetragen, dass der Para Sport mehr in den Mittelpunkt rückt. Auch Paris 2024 war diesbezüglich ein sehr erfolgreiches Event – da hat die ganze Stadt das Thema Inklusion gelebt. Diesen Weg müssen wir jetzt konsequent weitergehen.
Wie wichtig sind für die Außenwirkung Persönlichkeiten wie Taliso Engel, der bei der Fernsehsendung „Let’s Dance“ im Fokus stand, oder Elena Semechin als Vorkämpferin für die Rechte von AthletInnen? Beide wollen kommenden Monat auch in Berlin starten.
Das sind absolute Vorbilder und wichtige MultiplikatorInnen. Die Medien müssten die Geschichten dieser wunderbaren Menschen noch viel mehr zeigen. Elena leistet mit ihrer Kampagne Hervorragendes: Sie redet offen über ihre Krankheit, sie sensibilisiert für die Schwierigkeiten von Müttern im Sport und sie legt damit den Finger in die Wunde – das finde ich großartig. Sie hat deutlich gemacht, wie defizitär die Förderung der Para AthletInnen ist, dass sie da völlig aufgeschmissen sind, wenn sie nicht mehr aktiv sind. In dieser Hinsicht muss sich in Deutschland eine Menge ändern. Warum werden der olympische und der paralympische Sport hierzulande so unterschiedlich gefördert? Das ist doch absurd.
Gerade deshalb sind Veranstaltungen wie die World Series und die IDM so wichtig für die Sichtbarkeit des Para Sports.
Athleten Deutschland als unabhängige AthletInnenvertretung, bei der Elena Semechin Präsidiumsmitglied ist, hat kürzlich einen Ausbau der Förderung angemahnt. Auch Idriss Gonschinska, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Behindertensportverbandes, fordert professionellere Rahmenbedingungen.
Wir müssen darauf hinarbeiten, dass es irgendwann keinen Unterschied mehr gibt zwischen Olympischen Spielen und Paralympics. Dass sie beide als tolle und gleichberechtigte Sportevents wahrgenommen werden. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Bislang wird der Para Sport in Deutschland noch eher stiefmütterlich behandelt. Das merkt man bei der SportlerInnenförderung, bei den Zuweisungen der Sporthilfe, der Mittelvergabe des Bundes für den Sport.
Dabei ist der Para Sport aufgrund seines inklusiven Charakters gesamtgesellschaftlich ein immenser Faktor für die Zusammengehörigkeit. Wir haben in Berlin schon jetzt großartige Veranstaltungen im Para Sport. Die World Series und die IDM im Para Schwimmen, aber auch der Goalball Nations Cup oder eine inklusive Fußballiga, die wir als Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband etabliert haben. Aber all diese Projekte stehen und fallen mit den Finanzen. Wenn es nicht genug Förderung gibt, können solche Sportarten nicht wachsen, und dann bekommt die Öffentlichkeit kaum etwas mit davon. Gerade deshalb ist zum Beispiel auch der Inklusionssportpark auf dem Gelände des früheren Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks so wichtig. Berlin muss im Zentrum dieser Stadt so etwas anbieten, für alle Menschen, egal, ob mit oder ohne Behinderung. Wir wollen es schaffen, dass der Para Sport nicht als Randerscheinung gesehen wird. Und da sehe ich nicht nur die Verbände und die Politik in der Verantwortung, sondern die ganze Gesellschaft. Ob im Sport, in der Bildung oder in der Kultur: In allen Bereichen muss Inklusion noch stärker gelebt werden.
© Tino HenschelÖzcan Mutlu fordert als Präsident des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes Berlin mehr Inklusion in allen Lebensbereichen – auch im Sport
Berlin bewirbt sich um Olympische und Paralympische Spiele. Welche Chancen eröffnet das für den Behindertensport und für die Inklusion insgesamt?
Wir waren 2022 mit einer Delegation des Landessportbundes in Barcelona, 30 Jahre nach den dortigen Spielen. In Barcelona fanden ja zum ersten Mal Olympische und Paralympische Spiele hintereinander am selben Ort statt. Und egal, mit wem wir uns unterhalten haben, die Botschaft war immer die gleiche: Die Spiele waren der Funke, der nötig war, um Normalität zu erreichen. Der Geist der Paralympics war in der Stadt auch nach 30 Jahren noch allgegenwärtig.
Auch in Berlin würden die Paralympics eine nachhaltige Wirkung entfalten, da bin ich mir sicher, wenn in die Infrastruktur investiert wird und entsprechende Mittel in die Hand genommen werden. Wir haben das Glück, dass wir noch relativ gut dastehen, was die Sportstätten für den Leistungssport betrifft. Aber es geht auch um den Breitensport, und gerade dort würden die Olympischen und Paralympischen Spiele viel bewirken für Inklusion und Barrierefreiheit in der Stadt. Am Ende entscheiden der Deutsche Olympische Sportbund über den deutschen Kandidaten und das Internationale Olympische Komitee über die Vergabe. Wir sind optimistisch, dass wir den DOSB und das IOC überzeugen und die Spiele nach Berlin holen können.
Im Vergleich zu anderen deutschen Bewerbern für die Olympischen und Paralympischen Spiele sehe ich Berlin ganz vorne. Berlin ist die Hauptstadt des Sports und hat mehrfach bewiesen, dass sie große Sportereignisse ausrichten kann – egal ob Fußball-WM 2006 oder die Blindenfussball-EM 2017, die Para Leichtathletik-EM 2018 oder die erfolgreichen Special Olympics World Games 2023. Deshalb sind wir der Meinung, dass Berlin mit seiner globalen Magnetwirkung die ideale Stadt für die Austragung der Spiele in Deutschland ist und danken dem Berliner Senat für die große Wertschätzung und Unterstützung des Para-Sports in der Hauptstadt.
Auch in Berlin würden die Paralympics eine nachhaltige Wirkung entfalten, wenn in die Infrastruktur investiert wird und entsprechende Mittel in die Hand genommen werden.
Das Ungleichgewicht bei der Förderung des Para Sports wurde bereits angesprochen. Ein Ungleichgewicht gibt es aber auch beim Breitensport: Laut aktuellem Teilhabebericht machen derzeit 55 Prozent der Menschen mit Behinderung keinen Sport. Fehlt es an Angeboten oder am Bewusstsein?
Beides. Wir müssen den Breitensport massiv fördern – ohne Breite keine Spitze! Momentan ist es im Para Sport oft noch Zufall, dass jemand entdeckt wird und später den Weg in den Leistungssport findet. Aber Erfolg sollte keine Frage des Glücks sein oder der persönlichen Umstände, das sollte für jeden zugänglich sein. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Vereine den Weg der Inklusion gehen. Aktuell fehlt es an Angeboten, aber auch an Awareness. Es müsste viel mehr über den Para Sport berichtet werden, damit die Wahrnehmung sich verändert und die Barrieren in den Köpfen verschwinden. Gerade deshalb sind Veranstaltungen wie die World Series und die IDM so wichtig für die Sichtbarkeit des Para Sports.