Die 32-Jährige schwimmt sechs Monate nach der Geburt ihres Kindes schon wieder bei der World Series mit. Im Mai folgt dann das Heimspiel in Berlin.
© else Sport und Marketing GmbHElena Semechin nimmt Sohn Klaus oft mit in die Schwimmhalle
Bei der dritten Station der World Series im Para Schwimmen kehrt Elena Semechin (geb. Krawzow) in Barcelona (ESP/19. – 22. März) wieder in den Leistungssport zurück. Und sorgt dabei durchaus für Erstaunen: Denn vor sechs Monaten erst war die 32-Jährige erstmals Mutter geworden, Söhnchen Klaus ist wie Vater und Trainer Phillip Semechin nun mit in Spanien dabei. Für die Paralympics-Siegerin von 2021 und 2024 folgen danach zwei Heimspiele in Berlin mit der World Series (07. – 09. Mai) und den Internationalen Deutschen Meisterschaften (IDM/10. – 12. Mai) in der SSE. Vor ihrem Comeback sprach Elena Semechin über…
…die Gründe für ihre unerwartet schnelle Rückkehr:
Im Leistungssport hängt immer viel von der Leistung ab. Auch beim ganzen Drumherum, sei es die mediale Aufmerksamkeit oder für Sponsoren. Man muss da eher unternehmerisch denken und sich präsentieren auf der Bühne. Während der Schwangerschaft ist mir dann aufgefallen – ganz extrem, weil man natürlich einen ganz anderen Blick darauf hat –, welche Herausforderungen es bei uns im System gibt, wenn man noch während seiner Sportkarriere Mama werden möchte. Eigentlich kann man sich eine Babypause gar nicht erlauben, weil das ganze System daran hängt, dass man einfach jede Saison abliefert. Ich war 2025 nicht bei der WM in Singapur dabei, theoretisch hätte ich dadurch aktuell keinen Kaderstatus mehr und alle daran gebundenen Fördermaßnahmen wären damit auch weg.
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Ich war diesbezüglich dann aber sehr laut. Ich habe meine mediale Präsenz nutzen können, um genau auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Daraufhin wurde eine Sonderregelung für mich beschlossen. Aber natürlich muss ich jetzt diese Saison wieder Leistung nachweisen, damit ich meinen Kaderplatz auch für die nächste Saison sicher habe. Ich möchte schließlich 2028 nach LA, und dass meine Partner und Sponsoren trotz der langen Pause die ganze Zeit über an meiner Seite bleiben. Man will und darf den Wiedereinstieg daher nicht verpassen.
“Selbst als es mir durch die Chemotherapie in den vergangenen Jahren nicht so gut ging, bin ich hier auf den Startblock geklettert, das sagt eigentlich alles über die Bedeutung der IDM für mich.”
…über World Series und IDM im Mai in Berlin:
Natürlich ist mein Start bei den Berliner Wettkämpfen ganz fest eingeplant. Denn daheim zu schwimmen, wenn alle aus meinem direkten Umfeld hautnah wie nirgendwo anders dabei sein können, sorgt immer für eine besondere Motivation. Selbst als es mir durch die Chemotherapie in den vergangenen Jahren nicht so gut ging, bin ich hier auf den Startblock geklettert, das sagt eigentlich alles über die Bedeutung der IDM für mich. Ich werde in Barcelona natürlich erst einmal sehen müssen, wie es läuft. Aber wenn ich mich gut fühle, dann schwimme ich gern die World Series und die IDM. Denn für mich persönlich wird das womöglich der emotionale Saisonhöhepunkt. Und zwar völlig unabhängig davon, ob in diesem Jahr noch eine Europameisterschaft kommt oder nicht.
Mehr Förderplätze gefordert
Gemeinsam mit Athleten Deutschland haben 200 Para-Sportler*innen eine strukturelle Verbesserung der direkten Förderung des Spitzensports im Para-Bereich gefordert. Demnach soll es 2027 eine zweckgebundene Erhöhung der Bundesmittel geben mit dem Ziel, mindestens 200 Förderplätze zu finanzieren und mehrjährig abzusichern. „Jetzt ist der Moment zu handeln”, sagte Elena Semechin, die auch Präsidiumsmitglied der unabhängigen Athletenvertretung ist. Aktuell gibt es 168 Förderplätze für Para-Athlet*innen, im Schnitt nehmen aber rund 200 Deutsche an Paralympischen Sommer- und Winterspielen teil. Damit bleibt ein Teil von ihnen ohne direkte Förderung, trotz internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Für rund 30 zusätzliche Förderplätze bei der Sporthilfe wären jährlich rund 400.000 Euro notwendig.
Elena Semechin spricht über ihre Erwartungen beim Comeback und …
…über ihren Trainingszustand:
Die Geburt mit 20 Stunden Wehen war für mich sehr, sehr herausfordernd, auch die gesamte Schwangerschaft davor. Danach habe ich mich jedoch relativ schnell wieder gut gefühlt. Und daher auch schnell angefangen, Stück für Stück wieder zu trainieren. Und jetzt fühle ich mich so fit, dass wir entschieden haben, schon im März meinen ersten Wettkampf zu probieren. Es sind dabei natürlich keine Weltklasseergebnisse zu erwarten. Sich jetzt schon Topniveau vorzunehmen, wäre ein bisschen zu voreilig.
Aber ich bin bei demselben Wettkampf vor einem Jahr auch mitgeschwommen, da war ich gerade erst in den ersten Monaten schwanger gewesen. Es wäre schön, wenn ich jetzt die identische Zeit schwimme wie in der Schwangerschaft. Letztlich gehe ich das Ganze aber relativ entspannt an. Ich höre dabei auch ganz genau auf meinen Körper, gemeinsam mit den Ärzten. Es geht mir mehr darum zu zeigen, dass ich wieder da bin. Ich möchte einfach sehen, wie weit bin ich schon mit dem Training bislang. Ob ich auf dem richtigen Weg bin, wie der Körper das überhaupt verträgt, ob sich das gut anfühlt. Ich werde erst einmal nur die eine Strecke schwimmen: 100m Brust, sonst nichts. Danach wissen wir mehr.
© else Sport und Marketing GmbHElena Semechin fühlt sich bereit fürs Comeback im Wettkampfpool
Elena Semechin über Veränderungen im Training
Ich habe bis vor Kurzem noch gestillt. Durch die Hormone, durch das Prolaktin, Oxytocin und Relaxin, ist mein Körper noch sehr, sehr weich. Explosive Übungen wie Sprünge, Würfe, Krafttraining funktionieren noch nicht so, wie ich das gerne hätte. Aber da muss man natürlich geduldig bleiben. Und ganz viel im Austausch sein, ganz viel Feedback geben: Was hat gut geklappt? Wo müssen wir noch ein bisschen runterschrauben von der Intensität her? Das ist schon ein großes Ausprobieren im Moment.
Wir machen aber alles mit Vorsicht. Es hilft natürlich, dass ich schon so viele Jahre im Leistungssport bin und medizinisch ja auch ein bisschen Erfahrung habe, da ich ja gelernte Physiotherapeutin bin. Und wir hatten ja auch wirklich schon sehr viele herausfordernde Jahre, gerade auch durch den Krebs und die Nachbehandlung durch Chemo. Das war ja auch alles komplett neu für uns. Wir haben dadurch trainingsmethodisch sehr, sehr viel dazugelernt und können davon nun profitieren. Die üblichenTestserien im Training fühlen sich gerade noch ganz anders an. Ich finde das aufregend und spannend. Man fühlt sich wieder so wie am Anfang und muss sich alles neu aufbauen. Dementsprechend nervös, kann man schon sagen, bin ich daher auch vor dem ersten Start bei dem Wettkampf in Barcelona.
So lief der Auftakt der World Series in Australien
…über ihr Training während der Schwangerschaft:
Ich habe bis zum sechsten Monat regelmäßig trainiert. Denn ich weiß ja, die Zeit als Profisportlerin ist endlich. Meine letzte Trainingseinheit war dann zwei Tage vor der Entbindung. Das war mit so einer Riesenkugel vorne natürlich eher so ein Baden, ich hatte 13 Kilo mehr als gewöhnlich. Und es war auch noch sehr heiß. Da war ich sehr froh, dass ich dann auch mal ins Wasser konnte.
“In jedem anderen Betrieb gibt es für Angestellte Unterstützungsregelungen für die Menschen, die Eltern werden möchten, aber halt nicht im Leistungssport.”

Elena Semechin über völlig neue Herausforderungen durch ihr Kind:
Bis zur Schwangerschaft hatte sich alles nur um mich gedreht. Was passt zu meinen Abläufen, dass ich gut esse, gut schlafe, mich erhole. Und jetzt muss man sich anpassen, alles fokussieren auf das Baby: wann schläft es, wann muss es gefüttert werden, geht es ihm gut? Manchmal ist gar nicht so einfach, diesen Spagat hinzukriegen. Ich möchte eine gute Sportlerin und eine gute Mama sein, aber auch eine gute Unternehmerin. Und ja, das bringt mich tatsächlich das eine oder andere Mal an meine Grenzen. Wir sind ja auch erst am Anfang unserer Familienzeit zu dritt, das müssen wir natürlich erstmal alles zur Routine bringen und Erfahrungen sammeln und gucken, wie wir uns da am besten organisieren können.
Elena Semechin muss sich demnächst um die Eingewöhnung in der Kita kümmern
Wir haben seit September eine Assistentin für mich eingestellt. Weil wir gemerkt haben, dass ich in den Bereichen neben dem Sport sonst einfach nicht hinterherkomme. Sich bei Bedarf Unterstützung zu holen, das kenne ich zum Glück gut aus dem Leistungssport. Und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeiten habe. Zudem kommt meine Mutter nun für ein paar Monate aus Kasachstan, um uns zu unterstützen. Phillip hat nämlich auch keine Familie in Berlin, seine Mutter ist zudem noch voll berufstätig. Wir haben zum Glück schon einen Kita-Platz gefunden und werden sicher auch bald die Eingewöhnung machen, damit Klaus ein paar Stunden in der Kita ist. Das ist für mich auch irgendwie ein komischer Schritt, sich so früh diese Gedanken um eine Kita zu machen. Aber es geht nun mal nicht anders.
© else Sport und Marketing GmbHElena Semechin trägt Sohn Klaus
…über Schwächen im deutschen Sportsystem:
Es funktioniert nicht, das Kind mit zum Training zu nehmen. Zumal Phillip dann ja auch am Beckenrand steht und arbeitet. Wir brauchen daher auch im Trainingslager immer eine Nanny, wir brauchen ein Budget für Aufsichtspersonen. Sonst muss ich alles komplett selbst finanzieren. Und auf Dauer wäre das zu viel. Wir reisen 20 bis 25 Wochen im Jahr, wer soll das bezahlen? Das kann ja dann nur, wer schon ganz oben angekommen ist. Aber wir sollten es generell Leuten ermöglichen, überhaupt dort hinzukommen. Und damit meine ich auch Trainerinnen, Ärztinnen oder Physios, die gerade ein Baby bekommen haben. Das darf kein Ausschlusskriterium sein, dass man dann im Sport arbeiten kann.
So funktionieren Punktewertung und Klassifizierung bei der IDM
Und es gibt Länder, die da viel weiter sind, zum Beispiel die Schweiz, Spanien, die Niederlande, auch die Briten und Franzosen. Da gibt es schon feste Regelungen zur Kinderbetreuung. Ich habe inzwischen auch ein Konzept dafür erarbeitet, gemeinsam mit Athleten Deutschland (Semechin wurde ins im Vorjahr ins Präsidium der Interessenvertretung gewählt, Anm. d.Red.), um Lösungen aufzuzeigen. In jedem anderen Betrieb gibt es für Angestellte Unterstützungsregelungen für die Menschen, die Eltern werden möchten, aber halt nicht im Leistungssport. Leistungssport ist aber genauso ein Vollzeitberuf. Bisher mussten sich Leistungssportlerinnen deswegen immer zwischen Baby und Karriere entscheiden. Weil man weiß, dass es überhaupt keine Unterstützung gibt, wenn ich mich entscheide, Mama zu werden. Da bekommt man einfach Existenzängste.
…über ihre ungewöhnliche Offenheit
Ich will mich stark machen und einsetzen dafür, dass bessere Regelungen für werdende Mütter im Leistungssport entstehen. Dafür bin ich auch bereit, mit meinen körperlichen, mentalen, aber auch systematischen Wehwehchen an die Öffentlichkeit zu gehen.