Solène Guisard überquert den Genfer See: Ein Rekord für die Prävention

Philip Häfner
Philip Häfner
16:13

Die Synchronschwimmerin erzielt zusammen mit ihrem Vater und weiteren Bekannten eine neue Bestmarke und gedenkt dabei ihrem Bruder.

*Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um Suizid.

Eigentlich ist Solène Guisard Synchronschwimmerin und dort sehr erfolgreich Teil der deutschen Nationalmannschaft. Immer wieder unternimmt die Münchnerin aber auch einen Ausflug ins Freiwasser, zuletzt am vergangenen Wochenende beim Chiemsee-Langstreckenschwimmen als Abschluss des Alpen Open Water Cups, an dem übrigens auch Welt- und Europameister Florian Wellbrock teilnahm. In der Juniorinnenwertung siegte Guisard sogar. Die Strecke von 4,5 Kilometern war für sie allerdings eher eine Kurzstrecke angesichts der Leistung eine Woche zuvor.

Zusammen mit ihrem Vater Stéphane Guisard, einem ehemaligen französischen Wasserball-Nationalspieler, sowie weiteren Schwimmer*innen überquerte sie in der Staffel den Genfer See in der Schweiz der Länge nach – 70,8 Kilometer in 17:21:28 Stunden.

Synchronschwimmerin Solène Guisard mit ihrem Vater Stéphane Guisard nach der erfolgreichen Überquerung des Genfer Sees© privat

Zusammen mit ihrem Vater hatte Solène Guisard 2023 auch schon den Ärmelkanal überquert

Solène Guisard mit einem wichtigen Appell an die Gesellschaft

Eigentlich sollte das Familienprojekt bereits im vergangenen Jahr über die Bühne gehen, damals erlitt ihr Vater allerdings einen Bandscheibenvorfall. Diesmal schlug das Schicksal noch härter zu, als ihr Bruder nur wenige Tage vor dem geplanten Start aus dem Leben schied. „Aber wir wollten es für Felipe durchziehen und haben es dann als Family & Friends-Staffel aufgezogen“, sagt Guisard.

Am Ende war das Team „Felipe’s Family & Friends“ rund 2:45 Stunden schneller unterwegs als die bisherige Bestmarke (20:08:27). Und nutzte die Überquerung zugleich für eine wichtige Botschaft, um Spenden für den Münchener Verein „Die Arche“ zu sammeln, der sich der Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen widmet. „Das ist ein wichtiges Thema. Psychische Probleme sollten kein Tabu sein. Bei meinem Bruder habe ich es nicht erkannt, obwohl ich ihm so nah bin und obwohl ich Psychologie studiere. Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft offen darüber reden und es entsprechende Hilfeangebote gibt“, so Guisard.

Wege aus der Krise: Hier findest du Hilfe

Der 10. September ist der Welttag der Suizidprävention. Der internationale Aktionstag soll aufklären, Betroffene unterstützen und zum Reden ermutigen. Er ist auch ein Tag des Gedenkens – ein Raum, um gemeinsam zu trauern, Erinnerungen zu teilen und Hoffnung zu spenden.

Wenn ihr euch mit schlechten Gedanken allein fühlt, ist es wichtig, schnellstmöglich Hilfe zu suchen.

Erste Anlaufstellen bei Krisen oder Suizidgedanken sind die hausärztliche oder psychiatrische Praxis beziehungsweise ein*e Psychotherapeut*in.

Wenn du dich in einer akuten Krise befindest, kannst du dich jederzeit an die nächste psychiatrische Klinik wenden, den Notruf unter 112 wählen oder dich an einen Krisendienst wenden. Rund um die Uhr hilft telefonisch oder per Chat die Telefonseelsorge unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222. Jeder Anruf ist anonym und kostenlos.

Ein Rekord als Heilungsprozess

Die Überquerung des Genfer Sees von Schloss Chillon in Veytaux (SUI) bis zu den Bains des Pâquis in Genf (SUI) ist äußerst anspruchsvoll und wird von vielen als eines der härtesten Freiwasserrennen überhaupt angesehen. Auf der Website der Lake Geneva Swimming Association (LGSA) sind bislang nur rund 30 Staffeln aufgelistet, denen das überhaupt je gelungen ist. Neben Guisard und ihrem Vater waren kurzfristig waren die Magdeburgerin Renée Gold, die Freiwasserschwimmer Tim Krämer und Jochen Stelzer, Thomas Fahrner – bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles (USA) im B-Finale über 400m Freistil schneller als Olympiasieger George DiCarlo (USA) – sowie der Engländer Mark Turner eingesprungen, der selbst in mehreren Ländern Ultraswims organisiert.

Gruppenfoto der Staffel "Felipe's Family & Friends" nach der erfolgreichen Überquerung des Genfer Sees in Rekordzeit© privat

Neben Solène Guisard (3. v. r.) und ihrem Vater Stéphane (r.) waren kurzfristig fünf weitere Schwimmer*innen für die Staffel zu Ehren ihres Bruders eingesprungen

„Wir waren ein starkes Team“, sagt Guisard. „Wir sind sehr dankbar, dass sie so spontan mitgemacht haben. Allen ging es weniger um die eigene Leistung und den möglichen Rekord, sondern vor allem um das gemeinsame Gedenken an Felipe.“ Die 23-Jährige machte den Anfang, anschließend wurde jede Stunde gewechselt. „Ich habe mich körperlich super gefühlt. Ich hatte einfach so viel Kraft und Energie, weil ich wusste: Da ist dieses Ziel, das Beste für meinen Bruder zu geben.“

Das Foto ihres Bruders gab Solène Guisard zusätzlich Kraft

Mit ihrem Vater und ihrem Bruder – im Juniorenbereich Mitglied der französischen Nationalmannschaft und JEM-Teilnehmer – hatte sie 2023 schon den Ärmelkanal gemeistert samt neuem Weltrekord für eine Dreier-Staffel. Die Überquerung des Genfer Sees sollte eigentlich das nächste Familienprojekt werden, das nun aufgrund der Umstände ganz anders ausfiel als geplant. Ihr Vater hatte sogar extra ein Banner mit einem Foto von Felipe drucken lassen. „Wenn ich geschwommen bin, habe ich meinen Bruder die ganze Zeit gesehen und es hat sich so angefühlt, als schwimme ich mit ihm. Das hat mir unglaublich viel Kraft gegeben. Deshalb fand es trotz der Länge auch weniger anstrengend als beim Ärmelkanal: Weil mich die Liebe für meinen Bruder getragen und mir zusätzliche Energie gegeben hat“, so Guisard.

Solène Guisard, eigentlich Synchronschwimmerin, schwimmt im Freiwasser bei der Überquerung des Genfer Sees© privat

Immer wieder ist Synchronschwimmerin Solène Guisard auch erfolgreich im Freiwasser unterwegs